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08.04.2026

Interview – Frühjahrstagung BZPD

Mit der Frühjahrstagung hatte das Bayerische Zentrum Pflege Digital (BZPD) die Fachwelt im Bereich Digitalisierung, Altern und Pflege eingeladen. Gemeinsam mit der Sektion Alter(n) und Gesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) sowie mit dem fachübergreifenden Ausschuss Alter und Technik der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) wurde die Fachtagung an der Hochschule Kempten durchgeführt.

Unter dem Leitthema „Gesundheits- und Pflegeverläufe im höheren Lebensalter in einer sich digitalisierenden Welt“ brachte die Tagung Perspektiven aus Wissenschaft, Praxis und Politik zusammen.

Im Interview zieht die wissenschaftliche Leitung des BZPD, Prof. Dr. Mario R. Jokisch, Bilanz und ordnet zentrale Entwicklungen ein.

Die Frühjahrstagung ist vorbei – mit welchem Eindruck blicken Sie zurück?

Die Tagung hat unsere Erwartungen in vielerlei Hinsicht übertroffen. Besonders erfreulich war die große Resonanz und die Vielfalt der Perspektiven: Rund 100 Teilnehmende aus Wissenschaft, Pflegepraxis und Politik sind miteinander ins Gespräch gekommen.

Es gab viele spannende Vorträge, aber auch die Diskussionen im Rahmen der Tagung habe ich als sehr bereichernd erlebt. Hier ist ein echter Austausch entstanden, der unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt und neue Denkansätze angestoßen hat.

Besonders hervorzuheben ist die Keynote von Martina Brandt, die noch einmal eine breitere Perspektive eröffnet hat. Sie hat eindrücklich aufgezeigt, wie Ungleichheitsstrukturen auf europäischer Ebene bis hinein in nationale Versorgungssysteme wirken und Pflege maßgeblich beeinflussen.


Welche Rolle spielte das Thema Künstliche Intelligenz auf der Tagung?

Künstliche Intelligenz war ein wichtiges Zukunftsthema der Tagung, zugleich jedoch nicht in der Breite der Beiträge vertreten. Das spiegelt den aktuellen Stand der Forschung wider: Belastbare empirische Erkenntnisse liegen bislang nur begrenzt vor, auch weil viele Projekte noch relativ neu sind und ihre Ergebnisse erst nach und nach entstehen.

Umso aufschlussreicher war die Paneldiskussion am zweiten Tag. Sie hat einen differenzierten Einblick in die Potenziale und Risiken von Künstlicher Intelligenz im Kontext von Gesundheit und Pflege gegeben und zugleich verdeutlicht, mit welcher Dynamik sich dieses Feld entwickelt. Daraus ergibt sich ein erheblicher Anpassungsdruck für Praxis, Wirtschaft und Wissenschaft.

Gerade die Sozialwissenschaften stehen hier vor der Herausforderung, ihre analytischen und normativen Perspektiven weiterzuentwickeln und sich in dieser Debatte klarer zu positionieren.

Im Rahmen der Paneldiskussion konnte zudem Bernhard Seidenath, gesundheitspolitischer und pflegepolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion sowie Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit, Pflege und Prävention im Bayerischen Landtag, eine politische Einordnung vornehmen und die Diskussion somit um diese wichtige Perspektive erweitern.


Welche Perspektiven haben auf der Tagung gefehlt?

Die Tagung war bewusst stark sozialwissenschaftlich geprägt und hat sich der Digitalisierung aus einer Perspektive genähert, die Fragen der Versorgung, der Teilhabe und der konkreten Lebensrealität in den Mittelpunkt stellt. Gerade vor diesem Hintergrund ist aufgefallen, dass das Thema Robotik auf unserer Tagung keine Rolle gespielt hat.

Das verweist aus meiner Sicht weniger auf ein Desinteresse, sondern eher darauf, dass Robotik in der pflegerischen Praxis bislang noch nicht in dem Ausmaß angekommen ist, wie es die technologische Entwicklung in den vergangenen Jahren möglicherweise erwarten ließ. Während in der Forschung durchaus Fortschritte sichtbar sind, fehlt es weiterhin an belastbaren Erkenntnissen dazu, welchen konkreten Nutzen robotische Systeme im Versorgungsalltag tatsächlich entfalten.

Solange diese Wirksamkeits- und Nutzenbelege nur begrenzt vorliegen, bleiben auch tragfähige Implementierungsmodelle schwierig. Das zeigt sich nicht zuletzt bei der Frage der Finanzierung: Es ist bislang weitgehend offen, wie Robotik in der Pflege regelhaft in bestehende Versorgungs- und Vergütungsstrukturen eingebunden werden kann.

Daneben hat die Tagung auch deutlich gemacht, dass die Perspektive der konkreten Nutzung digitaler Technologien im häuslichen Umfeld noch stärker in den Blick genommen werden sollte. Wir wissen bislang zu wenig darüber, welche Anwendungen im Alltag tatsächlich genutzt werden, wie sie bewertet werden und unter welchen Bedingungen sie einen spürbaren Mehrwert bieten.


Welche Rolle spielt dabei das Bayerische Zentrum Pflege Digital?

Das BZPD versteht sich als Schnittstelle zwischen Forschung, Praxis und Politik. Unser Ziel ist es, Digitalisierung in der Pflege nicht isoliert zu betrachten, sondern in ihren konkreten Versorgungszusammenhängen.

Das bedeutet, dass wir wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis übersetzen, Bedarfe aus der Versorgung aufnehmen und diese wiederum in Forschungsfragen überführen. Gleichzeitig leisten wir einen Beitrag zur strategischen Weiterentwicklung digital-unterstützter Pflege in Bayern.

Gerade Formate wie die Frühjahrstagung zeigen, wie wichtig solche Plattformen sind, um unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und gemeinsame Orientierungen zu entwickeln.


Die Forschungsinitiative Pflegetechnik „FiPtec“ soll die Digitalisierung stärker in den Pflegealltag bringen. Wo stehen Sie aktuell?

Mit FiPtec ist ein wichtiger Schritt gelungen, um die Entwicklung und Implementierung pflegebezogener Technologien in Bayern systematisch voranzutreiben. Die Initiative wird vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention mit rund 4,5 Millionen Euro gefördert.

Ziel ist es, die bestehenden Aktivitäten im Bereich Pflegetechnik zu bündeln, strategisch weiterzuentwickeln und nachhaltige Strukturen aufzubauen. Ein zentraler Baustein ist dabei die enge Vernetzung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Bayern.

Aktuell befinden wir uns in einer intensiven Aufbauphase. Die Geschäftsstelle ist am BZPD angesiedelt und bereits besetzt. Parallel dazu werden themenspezifische Arbeitsgemeinschaften etabliert, die den fachlichen Austausch strukturieren und unterschiedliche Schwerpunkte der Pflegetechnik bearbeiten.

Ein besonderer Fokus liegt auf der Entwicklung einer Fortbildungsoffensive für Pflege Technik Experten. Ziel ist es, Kompetenzen gezielt aufzubauen und Einrichtungen dabei zu unterstützen, digitale Technologien sinnvoll einzusetzen.

Darüber hinaus arbeiten wir an Reifegradmodellen, mit denen Pflegeeinrichtungen ihren Stand der Digitalisierung systematisch einschätzen können. Gleichzeitig untersuchen wir gezielt Barrieren bei der Einführung digitaler Technologien, um deren Einsatz in der Praxis nachhaltig zu verbessern.

Ein nächster wichtiger Meilenstein wird die offizielle Eröffnungsfeier von FiPtec am 6. Juli 2026 in Kempten sein.

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