BZPD – Bayerisches Zentrum Pflege Digital

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BZPD – Bayerisches Zentrum Pflege Digital

Das Bayerische Zentrum Pflege Digital hat sich zum Ziel gesetzt, die Pflege in die digitale Zukunft zu bringen. Die angespannte pflegerische Versorgungslage und insbesondere die Herausforderungen für die Pflege in Privathaushalten stehen dabei im Zentrum der Aktivitäten.

BZPD forscht, vernetzt und berät hinsichtlich digitaler Instrumente und Systeme zur Unterstützung der Pflege. Aufgabe ist dabei, neue Entwicklungen anzuregen, zu begleiten und zu evaluieren. Als Maßstab dienen dabei immer die tatsächlichen Bedürfnisse und Bedarfe, die Menschenwürde und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

 

Zielgruppen

Zielgruppen

Im Blickpunkt stehen folgende Zielgruppen und Kooperationspartner:

  • die Pflegebedürftigen, die in der eigenen Häuslichkeit versorgt werden
  • die pflegenden Angehörigen
  • der Sozialraum bzw. das Quartier, in dem Pflegebedürftige versorgt werden
  • unterstützende Dienstleistungen für häusliche Pflegesituationen
  • Kommunen
  • Dienstleister und stationäre Einrichtungen aus dem Bereich der Pflege
  • Ausbildungs- und Studiengänge für alle pflegenden, Pflege unterstützenden und Pflege koordinierenden Professionen
  • Lehrende und Forschende an den Schnittstellen zwischen Versorgung im Alter, Technik, Pflege und Digitalisierung
  • politische Entscheidungsträger
Entwicklung der Aufgaben

Entwicklung der Aufgaben

Digitale Infrastruktur zur Information und Koordination

Das Bayerische Zentrum Pflege Digital prüft die These, dass zur Unterstützung und Aufrechterhaltung der pflegerischen Versorgung neue Vernetzungen und eine neue digitale Infrastruktur geschaffen werden müssen, da die bisherigen Strukturen und Versorgungssysteme an ihre Grenze gekommen sind. Die neuen Strukturen werden Ressourcen aus den verschiedensten Gesellschaftsbereichen, Berufen, Unternehmen und Vereinigungen heranziehen, bilden, fördern und koordinieren müssen, um die Bewältigung der Pflege sicherzustellen.
Bisher sind für die Pflegearrangements Lösungen präsent, die aus einer Hand organisiert werden – sei es durch die Kompetenz von Angehörigen, sei es durch die Angebote von professionellen Vollversorgern (wie sie bislang auch gesetzlich für die stationären Pflegedienste vorgesehen sind). Aufgrund der beschränkten spezialisierten Ressourcen wird diese Form der Versorgung wahrscheinlich sukzessiv abnehmen. Neue, aus vielen verschiedenen Ressourcen gespeiste Versorgungsarrangements benötigen aber vor allem eine weit aufwändigere, planvolle Koordination. Für diese Steuerung kommen Menschen (Case Management, Kümmerinnen und Kümmerer etc.) zusammen mit digitalen Instrumenten in Frage.

Eine digitale Koordinierung und Steuerung könnte von der zuverlässig abfragbaren, aktuellen, vollständigen und detaillierten Information bis zum eigenständig arbeitenden, lernenden Algorithmus zur Entscheidungsunterstützung reichen. Im Blick sind alle Akteure und Unterstützungsmöglichkeiten im Lebensumfeld, im Sozialraum, im Quartier, im Einzugs- und Verbreitungsgebiet relevanter professioneller Dienstleistungen. Entsprechende digitale Steuerungsmodule werden derzeit auf lokaler Ebene angedacht und in Vorstudien auf Akzeptanz, Schnittstellenproblematik, Bedarf an Vorbildung oder Schulung, auf geeignete Oberflächen, auf Wartungsintensität und Hosting-Anforderungen hin untersucht. Hierzu gilt es zu sichten, zu evaluieren und Empfehlungen der Weiterentwicklung zu erarbeiten.

Als Bereitstellende für Plattformen mit Vernetzung aller Ressourcen und individueller, bedarfsgerechter Steuerung sind verschiedene Möglichkeiten zu vergleichen: kommerzielle Angebote, die sich auf Basis der vermittelten Dienstleistungen refinanzieren und öffentliche Anbieter, die die Plattform zur Sicherung der Daseinsvorsorge (Kommunen) oder im Sinne des Sicherstellungsauftrags gesundheitlicher und pflegerischer Versorgung (Kassen) betreiben. Vor- und Nachteile, Kombinationen und unterschiedliche Formen großer und kleiner, paralleler und unitärer Konzepte sind zu prüfen. In diesem Kontext könnte sich eine landesweite Infrastrukturentwicklungsaufgabe ergeben. Das Bayerische Zentrum Pflege Digital hat die Aufgabe, dies zu erforschen, vorzudenken, vorzubereiten und zu steuern. Beim Bayerischen Zentrum Pflege Digital kann später auch die Umsetzung angesiedelt werden.

Digitale und technische Unterstützung im Pflege- und Versorgungsalltag

Die Pflegenden und die Menschen mit Pflegebedarf erwarten konkrete Hilfsmittel, die dem Haushalt mit Pflegeaufgaben aber auch den stationären Einrichtungen und den ambulanten Diensten es erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen, die steigende Aufgabenzahl und -dichte zu erfüllen bzw. die Angehörigen und Mitarbeitenden von zeitaufwändigen, übertragbaren Tätigkeiten zu entlasten. Senior*innen wünschen Unterstützungssysteme, mit denen sie länger und umfangreicher ihre Selbständigkeit in der Lebensführung und Selbstversorgung erhalten können.

Es gibt auch hierzu bereits seit Jahren viele Forschungsprojekte und Modellversuche im Überschneidungsbereich von assistierender Technik (AAL) mit und ohne digitalen Anteilen, Sicherheits-, Unterhaltungs- und Kommunikationssystemen bis hin zu Entwicklungen im Bereich der Robotik. Allerdings gibt es in der Pflegebranche im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen trotz vielfältiger Modellprojekte keinen Durchbruch dieser Technologien in der Praxis.

Die Situation in pflegenden Haushalten, die verschiedenen Persona und Cluster potentieller Nutzerinnen und Nutzer, deren Bedürfnisse und Bedarfe, müssen unmittelbar (und nicht nur in Bezug auf die Akzeptanz oder Adaption eines bereits vordefinierten Produkts) erforscht und analysiert werden. Darauf aufbauend können dann Forschung und Industrie geeignete Produkte entwickeln. Hier wird das Bayerische Zentrum Pflege Digital seine Möglichkeit der Grundlagenarbeit nutzen und alles zusammentragen, was hierzu im Kleinen schon erhoben wurde und wird eigene Erhebungen anregen oder durchführen.

Die Bedeutung und Rolle von Geräten (Betten, Mobilitätshilfen, Küchengeräte, Sensoren für Beleuchtung oder Sturzerkennung) ändert sich deutlich, wenn diese durch Digitalisierung auch als Datenlieferant tätig werden. Diese Geräte können damit gleichzeitig Sicherheit gewähren, vor Gefahren warnen, aber auch gesundheitliche Veränderungen dokumentieren, Gewohnheiten feststellen oder Verhalten interpretieren. Diese Möglichkeiten verändern wahrscheinlich das Mensch-Maschine-Verhältnis grundlegend und treffen in der Pflege oft auf die sensible Privatsphäre pflegebedürftiger Menschen. Während in anderen Bereichen, wie zum Beispiel Auto und Medien, die Interaktivität von Geräten hingenommen oder begrüßt wird, müssen die Aspekte Nutzen, Schutz und Vertrauen in der Pflege unter ethischen Aspekten angemessen abgewogen werden. Hier sucht das Bayerische Zentrum Pflege Digital nach angemessenen Kompromissen sowie abgesicherten Systemen und regt den kreativen Diskurs an.

Grundlagenarbeit

In den Bereichen der Infrastruktur und des Versorgungsalltags wurden in den vorangegangenen Abschnitten grundlegende und komplexe Fragen des Wandels der Mensch-Technik-Interaktion und ihre Implikationen für die Pflege, die Pflegenden und die Strukturen der Versorgung bei altersbedingtem Assistenzbedarf aufgeworfen.

Das Bayerische Zentrum Pflege Digital ist daher nicht als Projekt, sondern als dauerhafte Einrichtung angelegt. Diese bildet die landesweit vernetzende, begleitende, evaluierende und planende Metaebene. Das Bayerische Zentrum Pflege Digital stellt darüber hinaus die Verbindung zu nationalen und internationalen Erkenntnissen her. Das Bayerische Zentrum Pflege Digital wird der Politik Unterstützung dahingehend geben, dass deren Entwicklungs- und Förderstrategien vorausschauend geplant, sinnvoll koordiniert und langfristig ausgerichtet werden können. Das Bayerische Zentrum Pflege Digital schenkt dem Aspekt Pflege im Sozialraum und Quartier als Lösungsbeitrag und als Forschungszugang wegen der Dringlichkeit aus Sicht der hohen Zahl pflegender Haushalte und der steigenden kommunalen Verantwortung eine vorrangige Aufmerksamkeit.

Aufgabengliederung und Arbeitsfelder

Aufgabengliederung und Arbeitsfelder

Das oben hergeleitete komplexe Aufgabenbündel lässt sich für die Startphase in mehrere Zugänge gliedern. Die so entstehenden Arbeitspakete fokussieren jeweils einen Aspekt des vielschichtigen Zusammenhangs von der Zukunft der Pflege und Digitalisierung. Neben der Gliederung steht die Zusammenführung der Themen im Mittelpunkt des Bayerischen Zentrums Pflege Digital. Die Themenverantwortlichen legen Wechselwirkungen offen und regen Lösungen an den Schnittstellen der Bereiche an. Sie interagieren themenspezifisch mit der pflegepraktischen und forschenden Umwelt. Sie werten bestehende Forschungsergebnisse aus, um darauf aufbauend neue Impulse setzen zu können.
Folgende Fokusfelder sind als Zugänge vorgesehen:

  1. Bedingung digitaler Ökonomie
    Transformation der Erstellung und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen durch die Digitalisierung – Auswirkungen und Prognosen auf Informationsmanagement und Dienstleistungen in der Pflegewirtschaft
  2. Originäre Bedarfe in Haushalten mit Pflegeaufgaben
    Originäre Bewältigungsstrategien zur Pflege in Familien und durch Angehörige – Ansatzpunkte, Bedarfe und Grenzen für digitale Unterstützung
  3. Koordination und Kommunikation im Helfer-Mix
    Ideal des nachbarschaftlich lokalen Profi-Ehrenamtlichen-Helfer-Mix im Quartier – Motivlagen und Kommunikationswege, Haltungen zu digitaler Koordination
  4. Digitale pflegebezogene Infrastruktur auf kommunaler Ebene
    Wachsende kommunale Verantwortung in der Pflege und für Quartiere – Bürgerinnen und Bürger als Anbieter von gemeinnützigen Beiträgen und Nachfrager nach digitaler Infrastruktur für ihr Engagement
  5. Mensch-Technik-Interaktion in der Pflege
    Veränderung der Pflege durch datengenerierendende Geräte – ethische und rechtliche Fragen, Nutzenspektrum und Veränderungen der personalen Beziehungen im Pflegesetting
  6. Zukünftige Professionen von Mensch-Medien-Systemen im analogen Pflegealltag
    Die neue Natur von Steuerung und Kommunikation – Social Media und Big Data im pflegerischen Setting, in der Pflegewirtschaft und in den pflegerischen Professionen

Das Bayerische Zentrum Pflege Digital und seine sechs sich noch in der Aufbauphase befindlichen Aufgabenfelder bilden ein Gewebe. Die Felder konzentrieren die Aufmerksamkeit auf wichtige, Orientierung stiftende Themen. Sie sind aber auch miteinander verwoben, ergänzen, komplementieren und befruchten sich gegenseitig.

Interdisziplinäre Arbeitsweise

Interdisziplinäre Arbeitsweise

Im Bayerischen Zentrum Pflege Digital werden die sechs Aufgabengebiete in der Startphase mit je maximal einer Stelle besetzt werden können. Der Endausbau umfasst 18 Stellen. Um in der Aufbauphase eine hohe Anschlussfähigkeit an Vorarbeiten und potentielle Kooperationen herstellen zu können, um der neuen Aufgabe mit der gebotenen Offenheit und Kreativität zu begegnen und um die Vielschichtigkeit zu bewältigen, werden für die Aufgabengebiete qualifizierte Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Disziplinen gesucht. Neben Informatik und Pflegewissenschaft kommen Soziologie, Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Ökonomie, Soziale Arbeit, Psychologie und weitere in Betracht.

Über das Team hinaus wird das Bayerische Zentrum Pflege Digital Kontakte zur Praxisaufnehmen und Kooperationen herstellen. Insbesondere wird der Kontakt zu Forschungsinstitutionen wichtig sein, die bereits wichtige Vorergebnisse erbracht haben, meist auch schon in Zusammenarbeit mit Dienstleistungsunternehmen, Pflegeinrichtungen, Software- oder Geräteindustrie, Kommunen und ihren Quartieren.

Standort und Integration

Standort und Integration

Die Ansiedlung des Bayerischen Zentrums Pflege Digital an der Hochschule Kempten hat mehrere Gründe und Vorteile. Die Hochschule Kempten mit ihrem Studienfeld Gesundheit und Generationen ist erfahren und ausgewiesen in interdisziplinärer Arbeit an den Schnittstellen von Technik, Pflege, Sozial- und Gesundheitswirtschaft. In mehreren interdisziplinären Studiengängen arbeiten Lehrende und Mitarbeitende aus den Fachgebieten Wirtschaft, Pflege, Sozial- und Gesundheitswissenschaften, Elektrotechnik und Informatik in Teams zusammen und betreuen fakultätsübergreifende Projekte (siehe Grafik zum Vernetzungscluster). In Kempten ist ebenfalls bereits die Koordination für das Projekt CARE REGIO verankert, das den Auftrag hat, Schwaben zu einer Modellregion für technisch und digital unterstützte Ansätze innovativer Pflege zu entwickeln. Aus diesen Zusammentreffen ergeben sich vielfältige Kooperations- und Synergiechancen für das Bayerische Zentrum Pflege Digital. Die Standortfaktoren in Kempten sichern fachliche Expertise, intensiven Austausch und eine enge Vernetzung mit der Pflegepraxis und mit der kommunalen Quartiersarbeit. Die genannten Ziele und Arbeitsschritte des Bayerischen Zentrums Pflege Digital lassen sich durch eine Anbindung an die Hochschule Kempten besonders effizient umsetzen.

Die Fokusfelder in Details

Fokusfeld 1 - Bedingungen digitaler Ökonomie in der Pflege

Fokusfeld 1 - Bedingungen digitaler Ökonomie in der Pflege

Das Fokusfeld 1 betrachtet die ökonomischen Aspekte der Pflegebranche und der Chancen für eine erfolgreiche Etablierung digitaler Lösungen und Assistenzsysteme in der Pflege. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass sich trotz 20-jähriger Forschungsanstrengungen nur wenige technische und digitale Unterstützungssysteme in der Pflege und für die Pflege durchgesetzt haben. Ein Zugang dazu ist die Fragestellung, welche Existenz- und Rahmenbedingungen (z. B. ökonomischer, gesellschaftlicher oder rechtlich/politischer Art) darauf Einfluss haben, ob digitale Systeme in Zukunft mehr Beiträge zur Entlastung und Begleitung der pflegenden Personen und der Pflegebedürftigen haben werden. Das Bayerische Zentrum Pflege Digital greift die spezifischen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten für die Pflegebranche auf und bringt sie mit den Herausforderungen der Finanzierung von Technisierung und Digitalisierung zusammen. Im Vordergrund steht dabei die Untersuchung von Besonderheiten bei Geschäftsmodellen und Produktstrategien für digitale Lösungen in der Pflegebranche – auch im Vergleich zu nicht digitalen, analogen Produkten und Dienstleistungen. Ein Schwerpunkt bilden dabei die sich schnell verändernden Bedürfnisse der Kundschaft und Methoden, wie Unternehmen diese Bedürfnisse und Wünsche erfassen und in ihren Produktentwicklungsprozess einfließen lassen können. Darüber hinaus analysiert das Zentrum, welche Finanzierungsquellen Unternehmen grundsätzlich bei ihren Vorhaben zur Verfügung stehen oder wo die Besonderheiten und Hürden bei der Beschaffung von Kapital liegen.  Betrachtet werden dabei im Wesentlichen zwei Hauptgruppen – einerseits Lösungen mit Fokus auf Unterstützung innerhalb von Einrichtungen und Haushalten und andererseits digitale Lösungen im Bereich der übergreifenden Ebene der Informations- und Koordinationsnetzwerke (z. B. Nachbarschaften, Quartiere, Kommunen und vernetze Dienstleistungen) Wo aber liegt die Kaufkraft für solche Güter, wer sind potentielle Kundengruppen (die Pflegebedürftigen, die Angehörigen, die Dienstleistungsunternehmen, die Pflegekassen, die Kommunen)? Die Wirtschaftsbedingungen in der Pflege sind durch Regulierungen geprägt und mit Entscheidungen auf einem freien Markt nicht vergleichbar. In dem Zusammenhang spielt beispielsweise der Nutzennachweis eine entscheidende Rolle für unterschiedliche Beteiligte und gilt als wichtiges Kriterium für den späteren Markterfolg. Dieser ist jedoch komplex und stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Gleichwohl sind auch in anderen geregelten Branchen wie Krankenhäusern und Kommunen digitale Systeme möglich. Es könnte in der Pflege an den Besonderheiten der Leistungserbringung in sehr kleinen Einheiten oder an der überwiegenden Leistungserbringung in Privathaushalten oder an der geringen Ersetzbarkeit der personalen Leistung durch Maschineneinsatz liegen.

Ein weiterer Schwerpunkt dieses Fokusfelds liegt auf der Identifizierung förderlicher Rahmenbedingungen für die Entstehung von Innovationen. Hierbei werden z. B. Einflussfaktoren aus den Bereichen Ökonomie, Organisation, Politik oder Gesellschaft untersucht. Für dieses Fokusfeld 1 sind also insbesondere die ökonomischen Rahmenbedingungen in der Pflege und die Erfolgsbedingungen für digitale Produkte und Dienstleistungen zu beschreiben und im Ergebnis zueinander in Beziehung zu setzen.
Dafür sind folgende Arbeitsschritte geplant:

  • Literaturrecherche zu den angesprochenen Fragen sowohl der Ökonomie der Pflege als auch der Ökonomie von digitalen Plattformen
  • Sekundäranalyse der Forschungsprojekte der vergangenen Jahre mit speziellem Blick auf die Schwierigkeiten bei der Umsetzung, Nachhaltigkeit und Akzeptanz durch die (evtl. während des Projekts beteiligten) Unternehmen
  • Erhebung der Erfahrungen mit probeweise oder erfolgreich eingeführten Technologien, Erfahrungen mit Quartiersnetzen
  • Beschreibung der Erfolgskriterien der weltweit erfolgreichen professionellen digitalen Lösungen im Pflegebereich, Erkenntnisse über Erfolgschancen lokaler Netzwerke, evtl. Vor- und Nachteile der Lösung des Informations- und Koordinationsbedarfs in der Pflege durch die internationalen großen Plattformen
  • Darstellung der für Unternehmen im Bereich digitaler Pflegelösungen förderlichen Rahmenbedingungen für die Entwicklung entsprechender Produkte und Dienstleistungen (u. a. Methoden, Arbeitsweisen, Organisationsstrukturen, Kompetenzen, Führungsstile, …)
  • Zusammenstellen der Erkenntnisse zur Bedeutung der nutzen- und bedarfsorientierten Gestaltung von digitalen Produkten und Services
  • Erfassen der bisherigen Kosten-Nutzen-Analysen für digitale Produkte in der Pflege sowie Vergleich der Methodik und Ergebnisse
Fokusfeld 2 - Originäre Bedarfe in Haushalten mit Pflegeaufgaben

Fokusfeld 2 - Originäre Bedarfe in Haushalten mit Pflegeaufgaben

Das Fokusfeld 2 befasst sich mit den Bedarfen häuslicher Pflege, es sollen folgende Forschungsfragen untersucht werden:

  1. Welche Unterstützungsbedarfe haben Pflegebedürftige und deren pflegende Angehörige – lassen sich diese Bedarfe nach Art, Tätigkeiten und Situationen typisieren?
  2. Welche Dringlichkeit, Vorzüge, Nachteile, Akzeptanz und Widerstände sind mit Unterstützungen verbunden?
  3. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem Erleben von Belastungen und den Wünschen nach Unterstützung? Warum werden gegebenenfalls bestimmte Formen von Unterstützung abgelehnt?
  4. Welche Rollen, Werte, Traditionen oder Normen prägen die Wünsche nach bestimmten Formen der Unterstützung oder auch die Ablehnung von bestimmten Unterstützungen?
  5. Sind die Bedarfe und Wünsche ausschließlich individuell oder lassen sich innerhalb der Gruppe der pflegenden Angehörigen bzw. der Pflegeempfangenden Cluster bilden, die mit soziodemografischen Merkmalen assoziiert sind oder durch kulturelle Bilder von Fähigkeiten und Einschränkungen geprägt sind?
  6. Welche Informationen lassen sich daraus für Forschung und Entwicklung, Industrie, Pflegekassen, Pflegedienste oder Politik ableiten, um Unterstützungen möglichst passgenau vom originären Bedarf her planen und (weiter) erforschen zu können?
  7. Gibt der bisherige Forschungs- und Datenbestand bereits Hinweise auf Bedarfe und Unterstützungsszenarien, die mit digitalen Medien, digitalen Kommunikationsstrukturen oder digitalen Assistenzsystemen in Verbindung zu bringen sind?

Zur Beantwortung dieser Fragen sind folgende Arbeitsschritte geplant:

  • Erfassung des aktuellen Forschungsstandes zu oben genannten Fragen sowie systematische Aufbereitung nach methodischen, inhaltlichen und qualitativen Kriterien
  • Extrahieren und Clustern der Ergebnisse entsprechend der sieben Zielfragen
  • Identifizierung von Forschungslücken
  • Absichern und Weiterentwickeln der Ergebnisse im quantitativen Bereich durch eigene Auswertungen von einschlägigen Datensätzen, welche Angaben zu Bedarfen und Lebenssituation der Pflegebedürftigen und Angehörigen enthalten
  • Überprüfen der Generalisierbarkeit von Untersuchungsergebnissen mit Hinblick auf Alters-, Kohorten- und Periodeneffekte
  • Planung und Durchführung eigener Erhebungen zur Bedarfsanalyse
Fokusfeld 3 - Koordination und Kommunikation im Helfer-Mix

Fokusfeld 3 - Koordination und Kommunikation im Helfer-Mix

Im Fokusfeld 3 werden die Entwicklungen der Digitalisierung in der Koordination der Helfenden bearbeitet. In Anbetracht von Trends wie etwa der demografischen Entwicklung in der Gesellschaft aber auch des Fachkräftemangels in der Pflege wächst der Bedarf an Modellen für eine nicht-stationäre pflegerische Versorgung im eigenen Wohnumfeld. Dabei werden Pflege und pflegeunterstützende Leistungen immer häufiger zwischen professionell Pflegenden und einem heterogenen Helfer-Mix aus pflegenden Angehörigen und Laien gemeinsam erbracht. Infolgedessen steigt der Kommunikations- und Koordinationsbedarf zwischen Personen dieser Akteursgruppen an. Insbesondere unter ehrenamtlichen und freiwilligen Helferinnen und Helfern nimmt der Abstimmungsbedarf sowohl untereinander als auch mit professionellen Kräften zu, so die Hypothese.

Die nötige Koordination und Kommunikation können jedoch durch Digitalisierung unterstützt oder unter Umständen gar erst durch diese ermöglicht werden. Das Bayerische Zentrum Pflege Digital geht deshalb den folgenden Fragen nach:

  1. Über welche Kommunikationswege und Medien erfolgt die Verknüpfung der pflegerelevanten Dienstleistungsunternehmen und Koordinationseinheiten mit pflegebedürftigen Personen, ihren Angehörigen und Helfenden aller Art bisher?
  2. Gibt es Typen (Persona) von Helfenden, die sich in ihrem Kommunikationsverhalten und dem Gebrauch digitaler Medien im Rahmen ihrer Hilfstätigkeiten relevant unterscheiden? Wenn ja, welche Größenordnungen gelten für diese verschiedenen Gruppen?
  3. Welche Kommunikationsinhalte und -themen kommen dabei in welchen Anteilen vor?
  4. Welche Kommunikationen sind einseitig (z.B. als Abfrage von Informationen) und welche sind wechselseitig bzw. interaktiv?
  5. Inwieweit genügt es, dass sich Helfende gegenseitig abstimmen und wann und in welchem Umfang wird darüber hinaus eine zentrale Koordinierung erforderlich?
  6. In welchen Formen übernehmen oder unterstützen digitale Systeme oder ein Algorithmus Koordinierungsleistungen in sinnvoller Weise, welche Koordinationstätigkeiten werden dagegen von Menschen besser bewerkstelligt?

Dieses Fokusfeld befasst sich in der ersten Phase sehr grundsätzlich mit der spezifischen Kommunikation in und mit dem Helfer-Mix. Dazu sind zunächst die Beiträge verschiedener Disziplinen zusammenzutragen, die sich mit den Abstimmungs- und Koordinierungsvorgängen in Pflegesituationen befassen. In einem weiteren Schritt ist geplant, zu den folgenden Fragen auch Erhebungen durchzuführen und deren Ergebnisse zur Diskussion zu stellen:

Kommunikation

  • Welche kommunikationswissenschaftlichen Arbeiten gibt es zu den Fragen der Information, Bedarfsäußerung und Koordination in der Pflege im familiär häuslichen Umfeld? Zu welchen Ergebnissen kommen diese?
  • Lassen sich anhand bestehender Untersuchungen spezifische Personengruppen in häuslichen Pflegearrangements rekonstruieren, denen sich bestimmte Informations-, Kommunikations- oder Koordinierungsbedarfe zuschreiben lassen?
  • Welche Erfassungen und Untersuchungen gibt es zur Nutzung von analoger und digital unterstützter Kommunikation in Pflegeprozessen? Welche Aussagen erbringen diese Untersuchungen über die unterschiedlichen Anforderungen an die Kommunikationsgestaltung?
  • Welche Tendenzen lassen sich daraus hinsichtlich der Chancen und Grenzen digital gestützter Kommunikation ableiten?
  • Gibt es aus pflegewissenschaftlicher Forschung valide Standards zu Kommunikationsinhalten und Informationscharakteristika, die für den Pflegeprozess erforderlich oder förderlich sind?
  • Wurden Kommunikationsmuster von verschiedenen an der Pflege beteiligten Berufsgruppen bereits miteinander verglichen? Wie unterscheidet sich deren Kommunikation von derjenigen der Angehörigen oder derjenigen von Laien, Ehrenamtlichen und Freiwilligen?
  • Welche weiteren Disziplinen haben bereits Modelle und Untersuchungen vorgelegt, die sich mit Kommunikation in der Pflege befassen? Zu welchen Ergebnissen kommen diese?

Ehrenamt / bürgerschaftliches Engagement

  • Welche Beiträge erbringt die Erforschung des Ehrenamts / bürgerschaftlichen Engagements über Gruppen von Engagierten und deren Kommunikations- und Informationsbedarfe?
  • Welche Erfahrungen gibt es in Bezug auf Einsatzplanungen für ehrenamtlich Engagierte?

Koordination

  • Welche Disziplinen haben bereits Untersuchungen und Modelle vorgelegt, die sich mit Koordination in der Pflege befassen – insbesondere im Kontext informell unterstützter, häuslicher Pflegearrangements? Zu welchen Ergebnissen kommen diese?

Pilot-Projekte, Plattformen, Apps

Auf der praktischen Seite werden die bestehenden digitalen Kommunikationsnetzwerke einbezogen. Von Interesse ist unter anderem die Frage:

  • Welche Erfahrungen machen bestehende Kommunikationsplattformen bzw. Probeläufe von Forschungsprojekten in Bezug auf Nutzen, Inhalte, Fehlermeldungen und offene Wünsche hinsichtlich digitaler Kommunikation? Wo ist weiterer Forschungsbedarf auf diesen Gebieten?

Datenschutz

  • Welche spezifischen datenschutzrechtlichen Bedenken und Gestaltungschancen wurden bereits untersucht oder abschließend dargelegt?
Fokusfeld 4 - Digitale, pflegebezogene Infrastruktur auf kommunaler Ebene

Fokusfeld 4 - Digitale, pflegebezogene Infrastruktur auf kommunaler Ebene

Im Fokusfeld 4 werden die Möglichkeiten auf kommunaler Ebene in den Blick genommen. Von Seiten der Bürgerschaft wird zunehmend erwartet, dass die Kommunen die Sicherung der Pflege als Teil der Daseinsvorsorge sehen. Auch in der Entwicklungsgeschichte des Pflegeversicherungsgesetzes wird diese Entwicklung deutlich. Bei Einführung der Pflegeversicherung vertraute man noch auf die Kräfte des Marktes. Zwischenzeitlich wurden Ansätze lokaler Verantwortung aufgenommen, von Pflegestützpunkten über niederschwellige Angebote bis zu Modellprojekten für Wohn- und Versorgungsformen. In aktuellen Diskussionen zur Weiterentwicklung des SGB XI wird die Rolle der Kommunen weiter hervorgehoben.

Als Erfolgsmodell für lokale Arbeit gilt die Quartiersentwicklung. Hierfür liegen viele Erfahrungen vor. Diverse Förderprogramme haben deren Aufschwung erleichtert. Zurzeit wird in Personen investiert, die in Form von Quartiersmanagement, in Pflegestützpunkten, in Fachstellen für Demenz und Pflege etc. arbeiten. Insofern gibt es genug Beobachtungsobjekte, um zu erfragen und zu beobachten, welche digitalen Instrumente und Systeme erforderlich sind, um diese Personen selbst zu unterstützen oder um ihre Arbeit zu ergänzen. Aus Sicht des Bayerischen Zentrums Pflege Digital sind dabei folgende Fragen für eine Weiterentwicklung zu erforschen:

  1. Welche Informations-, Planungs- und Koordinationsaufgaben werden an die Kommunen und Quartiersbeauftragte herangetragen – und von wem? Wer kommt aktiv – und wer bedarf aus Sicht der Verantwortlichen aufsuchender Strukturen?
  2. Wie äußert sich das Bedürfnis der Bürger*innen nach möglichst neutraler Beratung über alle Möglichkeiten der Unterstützung bei (plötzlichem) Eintreten von Pflegebedürftigkeit? Wie kommen sie bisher an diese Informationen? Welche Anlaufstellen werden wie häufig in Anspruch genommen?
  3. Welches Interesse hat die Kommune, eine umfassende Information zur Verfügung zu stellen? Welchen Stellenwert haben Pflege-Prävention, Förderung von Nachbarschaften oder Vernetzung von Dienstleistungen? Welche Investitionen kommen dafür in Betracht?
  4. Welche der erhobenen Inhalte könnten durch digitale Informationsinstrumente ohne Verlust übernommen oder wirkungsvoll ergänzt werden?
  5. Welche überkommunalen digitalen pflegebezogenen Informationssysteme werden durch die Kommunal- und Quartiersverantwortlichen bereits genutzt, welche Erfahrungen machen sie damit, welche Empfehlungen geben sie an die Bevölkerung weiter, wo bestehen Informationsdefizite?
  6. Welche Kommunen oder Quartiere haben über die Information hinaus Erfahrungen mit multilateraler Vernetzung, bei der Bürger*innen ihre Bedarfe (und Angebote) an eine Zentrale melden und daraufhin Beteiligte (z.B. Familien, Pflegedienst, Bäcker, Pflegekasse) direkt miteinander in Kontakt treten können?
  7. Haben sich Kommunen bereits mit dem Aufbau eigener digitaler Informations- und/ oder Koordinationssysteme befasst? Welche Fragen und Antworten nach der Verantwortung für Auswahl, Installation, Finanzierung, Hosting und Wartung der Systeme wurden dabei aufgeworfen? Wurde eine gemeindeübergreifende, vielleicht landesweite Entwicklung in Erwägung gezogen?

In diesem Fokusfeld werden ebenfalls bereits bestehende Erfahrungsberichte, Evaluationen und wissenschaftliche Untersuchungen zusammengetragen. Zumindest punktuell sollen aber die recht jungen Erkenntnisse ergänzt, hinterfragt oder bestärkt werden durch eigene Beobachtungen, Erhebungen und Befragungen. Wenn die ersten Untersuchungen ergeben, dass kommunal spezifizierte Plattformen ein wichtiger Baustein für die digitale Unterstützung der Pflege in der Häuslichkeit wird, ergeben sich perspektivisch folgende Fragen:

  • Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, dass alle Beteiligten an einer Plattform dafür selbst Sorge tragen, dass alle Informationen vollständig, zuverlässig und absolut aktuell sind?
  • Ist es eine Illusion, dass alle pflegerelevanten Informationen auf lokaler Ebenen jedem Pflegebedürftigen zur Verfügung stehen?
  • Wie kann eine Plattform genutzt werden, um nicht nur Pflegebedürftige, Angehörige, Bevölkerung und weitere Akteure über mögliche Leistungen zu informieren, sondern auch, um Bedarfe an Information und Unterstützung zu erheben und so neue Angebote zu initiieren?
Fokusfeld 5 - Mensch-Technik-Interaktion in der Pflege

Fokusfeld 5 - Mensch-Technik-Interaktion in der Pflege

Im Fokusfeld 5 wird in Blick genommen, welche spezifischen Anforderungen an digitale Geräte, Benutzeroberflächen, Programmführungen und Inhalte zu stellen sind, damit den Bedarfen der verschiedenen an der Pflege beteiligten Personen entsprochen werden kann.  
Digitale Interaktion ist in der Pflege in besonderer Weise darauf angewiesen, dass die Kommunikation mit Medien und Geräten ohne Barrieren zugänglich ist. In die Versorgung von ca. 3,5 Millionen Menschen mit pflegerischen Unterstützungsbedarfen sind nur 1,1 Millionen professionelle Arbeitskräfte, aber geschätzte 6 Millionen Laien und eben die 3,5 Millionen Pflegebedürftigen selbst involviert. Von den pflegenden Angehörigen sind 70% selbst bereits über 60 Jahre. Zudem sind diese durch die Pflege von Angehörigen neben ihren übrigen Lebensaufgaben hoch belastet und haben wenig Energie, sich in komplexe Systeme einzuarbeiten. Auch bei den professionellen Pflegekräften ist zu berücksichtigen, dass in keiner Ausbildung bisher der Gebrauch von digitaler Technik zum Ausbildungsinhalt gehörte. Alle diese Personen sind keinesfalls genuin Technik-avers, aber sie befinden sich in einer äußerst angespannten Lebenslage und bringen selten passende Vorkenntnisse mit. 
Angesichts dieser Ausgangssituation sind an das Design digitaler Unterstützung für die Pflege allerhöchste Ansprüche zu stellen. Auf prekäre Lebenslagen ist proaktiv Rücksicht zu nehmen. Mit Blick auf diese Zielsetzung untersucht das Bayerische Zentrum Pflege Digital:

  • Welche Geräte, Oberflächen, Assistenzsysteme gibt es bereits? Welche Erfahrungen wurden damit gemacht und wie gut sind diese dokumentiert und aufbereitet?
  • Welche wissenschaftlichen Untersuchungen und Experimente zu digital gestützten Assistenzsystemen für die Pflege liegen vor? Welche Einflussfaktoren auf Akzeptanz und Akzeptanz-Barrieren wurden dabei gefunden?
  • Welche Erkenntnisse zur Aneignung digitaler Kompetenzen liegen vor, insbesondere in Abhängigkeit von Alter, Milieu, Beruf, Geschlecht, Vorbildung, Stresssituation?
  • Welche Cluster gibt es innerhalb der ca. 10 Mio. mit Pflege befassten Personen, wie unterscheiden sich ihre Bedarfe und Ansprüche?
  • Welche Versuchsanordnungen sind geeignet, um die Anforderungen an Mensch-Maschine-Interaktionen speziell in der Pflege zu erforschen?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, den Nutzen der Interaktivität verschiedener, digitaler, die Pflege unterstützender Systeme zu messen und zu vergleichen?
  • Welche Lösungen gibt es, um Datenschutz und ethische Fragen, insbesondere in Bezug auf die besondere Schutzbedürftigkeit der Privatsphäre in Haushalten mit Pflegeverantwortung, zu wahren und explizit vertrauensbildend umzusetzen?  
Fokusfeld 6 - Zukünftige Professionen von Mensch-Medien-Systemen im analogen Pflegealltag

Fokusfeld 6 - Zukünftige Professionen von Mensch-Medien-Systemen im analogen Pflegealltag

Das Fokusfeld 6 befasst sich mit den Menschen, die pflegerisches Handeln zu ihrem Beruf gemacht haben. In der Selbst- und Fremdwahrnehmung lässt sich eine große Bandbreite an Zuschreibungen zu den pflegenden Berufen erkennen. Diese Attributionen beeinflussen die Herangehensweise an die Digitalisierung professioneller pflegerischer Tätigkeiten und Settings. Pflegende Berufe sehen sich dem Zwiespalt ausgesetzt, auf der einen Seite menschliche Zuwendung leisten zu sollen, dabei körperliche Anwendungen in den intimsten Bereichen des körperlichen und seelischen Lebens auszuführen und andererseits möglichst effizient, schnell und vollständig transparent dokumentierend zu arbeiten. An dieser empfindlichen Nahtstelle treffen Traditionen, Umwelterwartungen, Ausbildungsstände, Finanzierungsfragen und die Konkurrenz aller Wirtschaftsbereiche um den beruflichen Nachwuchs zusammen.
Digitale Interaktionen im Umfeld des analogen, direkt-personalen und menschlich zugewandten Pflegehandelns stellen besondere Herausforderungen für beruflich Pflegende dar. In der Diskussion um die Chancen technischer Unterstützung für die beruflich Pflegenden werden die Entlastung von körperlicher und bürokratischer Arbeit, die Erhöhung der zeitlichen Spielräume für zwischenmenschliche Zuwendung und die bessere Vernetzung der an der Pflege beteiligten Disziplinen und Rollen angeführt. In Zusammenarbeit mit den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen könnten Aspekte der Information, der Individualisierung, der Passgenauigkeit des Pflegehandelns, der Übertragbarkeit von Verantwortung und damit der Sicherheit für die Menschen mit Pflegebedarfen verbessert werden. Demgegenüber stehen Ängste vor Fremdbestimmung der Arbeitsprozesse, kontinuierlicher Überwachung, Verringerung der personalen Qualität der Pflege und Erhöhung des Zeitdrucks für die professionell Pflegenden.  
In dieser schwierigen Umbruchsituation macht sich das Bayerische Zentrum zur Aufgabe, folgende Fragen zu untersuchen:

  • Wie werden sich pflegerische Berufe, Aufgaben und Akteure entwickeln, wenn digitale Instrumente zur Verfügung stehen? Wie zuverlässig sind Annahmen zur geringen Ersetzbarkeit menschlicher Tätigkeiten in der Pflege?
  • Wie wirken sich digitale Information, Prozesssteuerung und Einsatzkoordination auf die Diversifikationsmöglichkeiten der an Pflegesettings beteiligten Personen, Disziplinen und Kompetenzprofilen aus? Können komplexere Geflechte von Akteuren bewältigt werden?
  • Wie unterscheiden sich die Anforderungen und Möglichkeiten zur Digitalisierung in stationären und häuslichen Pflegesettings?
  • Welche Rolle spielen zukünftige Berufswahlentscheidungen; werden sich die bisherigen Grundmuster „mit Menschen arbeiten“ – „mit Technik arbeiten“ – „im Büro arbeiten“ verändern und durchmischen oder sogar noch stärker spezifizieren und werden sie dann durch digitale Kommunikation verknüpft? Welche Folgen impliziert das für die Pflege und alle Ausbildungsgänge im Bereich der Pflege in Bezug auf Techniknutzung und Digitalisierung?
  • Welche Pflegeprozesse und welche Verantwortungen im Pflegesetting lassen sich durch eine digitale Plattform neu konstruieren und neu zusammensetzen? Welche Traditionen und gesellschaftlichen Werte stehen eventuell einer solchen technischen Möglichkeit als Barrieren gegenüber? Sind Nutzenkalküle im Kontext digital veränderter Pflegeprozesse objektiv oder ebenfalls von Wertvorstellungen abhängig?

Um diesen Fragen zu den pflegerischen Professionen und der Verknüpfung dieser Personen mit neuen Medien und digitalen Tools fundiert nachgehen zu können, werden folgende Recherchen, Untersuchungen und Forschungsvorhaben vorgesehen:

  • Erhebung des Forschungsstandes zu pflegenden Berufen, insbesondere der Selbst- und Fremdbilder, der prägenden Traditionen und der Überschneidung mit Zuschreibungen aus den Geschlechterrollen und zu der Wahrnehmung der Produktivität und ihrer Veränderung durch den Einbezug digitaler Assistenzsysteme
  • Erhebung des Forschungsstandes sowie Vergleich der Studien und Versuche zu kreativen Pflegeprozessen und neuer Verteilung der Verantwortung auf Beteiligte verschiedener Disziplinen und Angehörige
  • Untersuchung der WHO-Konzepte zur gemeindenahen und familienzentrierten Pflege auf ihre Verknüpfung zu digitalen Informationsnetzen zur Begleitung der häuslichen Pflegesettings. Auslotung potentieller Erweiterung der Verantwortung pflegerischer Berufe auf Metaebenen wie Prozesssteuerung, Integration digitaler Medien, Vermeidung sozialer Ungleichheit und Diskriminierung
  • Begleitung von Experimenten und Untersuchungen zur Veränderung pflegerischer Prozesse durch die Nutzung digitaler Unterstützungssysteme, insbesondere Beobachtung der Auswirkungen auf berufliche Rollen, Haltungen und Zufriedenheit   

Kontakt

Prof. Dr. Johannes Zacher
Wissenschaftliche Leitung
johannes.zacher(at)hs-kempten.de

Alexander Karl
Geschäftliche Leitung
Tel. 0831 2544-9310
alexander.karl(at)hs-kempten.de

Standort
Gebäude P
Fischerstraße 21, 87435 Kempten

Einen Lageplan finden Sie hier.

 

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