Hochschule legte wissenschaftliche Grundlage für das ausgezeichnete Unternehmen power2move
Aus einer Forschungsfrage wurde eine Lösung für den Kemptener Stadtbusverkehr und schließlich ein Unternehmen. Für diesen Weg von der Wissenschaft in die Praxis wurde das Beratungsunternehmen power2move am 12. Oktober 2026 in München mit dem Sonderpreis des Bayerischen Klimaschutzpreises ausgezeichnet. Die Grundlage dafür entstand in einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Hochschule Kempten mit zwei regionalen Busunternehmen.
Alles begann mit einer Frage
Am Anfang stand ein öffentlicher Vortrag über Wasserstoff. Prof. Dr.-Ing. Martin Steyer und Norbert Grotz von der Hochschule Kempten beschäftigten sich darin mit den Möglichkeiten dieser Technologie. Unter den Zuhörern waren auch die Kemptener Busunternehmer Helmut Berchtold und Martin Haslach. Im Anschluss kamen sie mit einer konkreten Frage auf die beiden Hochschuldozenten zu: Wie könnte ein möglichst nachhaltiges und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähiges Energiekonzept für den Kemptener Stadtbusverkehr aussehen?
Aus dem Gespräch entwickelte sich ein gemeinsames Forschungsprojekt, gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie. Die Ziele waren ambitioniert: Der öffentliche Nahverkehr sollte vollständig mit regenerativer Energie betrieben werden können und dabei einen Energieautarkiegrad von mindestens 90 Prozent erreichen. Gleichzeitig musste das Konzept technisch umsetzbar und wirtschaftlich tragfähig sein.
Erst simulieren, dann investieren
Wie viele Elektrobusse werden benötigt? Wann und wo müssen sie geladen werden? Wie lassen sich Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur sinnvoll miteinander kombinieren? Und rechnet sich das Ganze? Um diese Fragen nicht nur theoretisch, sondern auf Grundlage realistischer Betriebsbedingungen beantworten zu können, entwickelten die Wissenschaftler an der Hochschule Kempten eine Simulationssoftware. Sie bildet den Busbetrieb möglichst genau ab und berücksichtigt dabei unter anderem Fahrpläne, Streckenprofile, Wetterdaten sowie sämtliche relevanten Energieströme von der Erzeugung über die Verteilung bis zur Speicherung. Auch wirtschaftliche Faktoren wie Investitionskosten und Strompreise fließen in die Berechnungen ein. So ließen sich unterschiedliche Szenarien durchspielen und technische Lösungen aufeinander abstimmen, bevor größere Investitionen anstanden.
Die Busunternehmen Haslach Bus und Berchtold’s Autoreisen setzten das entwickelte Energiekonzept anschließend in die Praxis um und investierten rund 25 Millionen Euro in Elektrobusse, Ladeinfrastruktur und Energieerzeugung. Inzwischen sind 27 Elektrobusse im Kemptener Stadtverkehr unterwegs. Gemeinsam legen sie jährlich rund 1,5 Millionen Kilometer zurück. Gegenüber dem früheren Dieselbetrieb werden dadurch jedes Jahr rund 630.000 Liter Diesel und 1.700 Tonnen CO₂ eingespart.
Wissenstransfer: Aus Forschung wird ein Unternehmen
Mit der erfolgreichen Umsetzung in Kempten stellte sich die nächste Frage: Warum sollten nicht auch andere Verkehrs- und Logistikunternehmen von den gewonnenen Erkenntnissen profitieren? Aus diesem Gedanken heraus gründeten die beiden Busunternehmer gemeinsam mit Martin Steyer und Norbert Grotz im Jahr 2023 das Beratungsunternehmen power2move. Es nutzt das Wissen und die Simulationssoftware aus dem Forschungsprojekt, um Unternehmen bei der Umstellung ihrer Fahrzeugflotten auf nachhaltige Antriebstechnologien zu unterstützen und trägt damit nachweislich zur Verkehrswende bei.
Wie viel Potenzial in diesem Ansatz steckt, zeigt nun auch die Auszeichnung mit dem Bayerischen Klimaschutzpreis 2026. Eine unabhängige Jury wählte power2move aus mehr als 100 Vorschlägen aus. In der Laudatio würdigte das Bayerische Umweltministerium insbesondere die Verbindung von Forschung und Praxis und die Übertragbarkeit der entwickelten Lösung auf weitere Unternehmen.
Was mit einer Frage nach einem öffentlichen Vortrag begann, reicht damit inzwischen weit über den Kemptener Stadtverkehr hinaus. Zugleich zeigt die Entwicklung von power2move, wie aus angewandter Forschung an der Hochschule Kempten gemeinsam mit regionalen Unternehmen neue Lösungen und unternehmerische Perspektiven entstehen können.
Kurzvideo zu den Preisträgern p2m: https://www.youtube.com/watch?v=SwcKmK_3NSE
Weitere Infos: power2move | Bayerischer Klimaschutzpreis
Foto: Bayerns Umwelt- und Verbraucherschutzminister Thorsten Glauber überreicht den Bayerischen Klimaschutzpreis 2026 an das Team von power2move. Von links: Prof. Dr. Martin Steyer, Martin Haslsch, Thorsten Glauber, Norbert Grotz, Helmut Berchtold. Bildnachweis: Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz